14.04.2019 - Joseph Auchter

Aufbruch statt Abbruch

Chefdirigent Paavo Järvi personifiziert in Zürich den Aufbruch in eine neue Aera und die Tonhalle Maag wird vor dem Abbruch bewahrt. Ein Wermutstropfen kommt aber leider von der Baustelle am See.

Was war das für eine aufgeräumte und hoffnungsvolle Stimmung an der Pressekonferenz, als der designierte Chefdirigent und Music Director der Tonhalle-Gesellschaft, Paavo Järvi, das Programm seiner ersten Spielzeit 2019/20 vorstellte.

Helle Begeisterung weckte er schon von Mittwoch bis Freitag mit drei Abo-Konzerten und einem Lunchkonzert, die Messiaen und Beethoven gewidmet waren. „L’Ascension“ von Messiaen geriet in seiner Interpretation  zum sinnfälligen Bekenntnis für den immer noch verkannten grossartigen französischen Organisten und Komponisten. Und dann diese Beethoven-Wiedergaben, das Zinman-Erbe, mit dem 3. Klavierkonzert und der 4. Sinfonie: War Arcadi Volodos Virtuosität und die Übereinstimmung mit Järvi schon im Schwebebereich, den Atem anzuhalten, kam der Zuhörer bei der Vierten nicht mehr aus dem Staunen heraus. Wenn nicht alles trügt, ist das der Neubeginn einer verheissungsvollen Aera in der Nachfolge David Zinmans.

Eine Woche zuvor kam die freudige Nachricht, dass der Zürcher Stadtrat das Fabrikgebäude Maag, in dem sich der viel gelobte Interims-Konzertsaal befindet, ins Denkmalinventar aufgenommen hat und damit das musikalische Juwel ziemlich sicher erhalten werden kann. Ermutigt war man schon zuvor, weil die Swiss Prime Site gewillt ist, die Tonhalle Maag (und auch die Maag Music Hall) in ihr Neubaukonzept zu integrieren: „Für uns sind kulturelle Nutzungen in diesem Gebiet absolut erwünscht“, so der Mediensprecher.

Das Triumvirat der Tonhalle-Gesellschaft mit Präsident Martin Vollenwyder, Chefdirigent Paavo Järvi und Intendantin Ilona Schmiel / Foto © Priska Ketterer

Leider ist die Finanzierung und das Betriebskapital trotz einhelligem Interesse vieler Nutzer noch nicht gesichert, auch wenn die Stadt mit Kulturdirektor Peter Haerle Gesprächsbereitschaft signalisiert. Bedingung sei eine überzeugende Trägerschaft. Die Präsidialabteilung wird offenbar im Juni ihr überarbeitetes Kulturleitbild präsentieren, zu der auch die Spielstätte Maag gehört. Sicher scheint mir, dass es ohne den umtriebigen und allseits geschätzten Präsidenten der Tonhalle-Gesellschaft, Martin Vollenwyder, weder den derzeitigen Konzertsaal noch dessen Erhaltung gäbe.

Der Wermutstropfen von der Kongresshaus-Sanierung am See

Am Donnerstag deutete offiziell noch nichts darauf hin, nun ist es Gewissheit: Eine überraschend schlechte Bausubstanz, Zielkonflikte und planerische Unschärfen bedingen Mehrkosten von ca. 13 Millionen und eine Inbetriebnahme nicht vor März 2021. Dazu Stadtrat André Odermatt: «Beim Kongresshaus und der Tonhalle handelt es sich um eine Aufgabe, die in ihrer Komplexität kaum zu übertreffen ist.» Mitschuld trügen frühere Bausünden und die Nachbesserung der Ausführungspläne. Kongresshaus und Tonhalle seien zum Flickwerk verkommen, was sich nun gerächt habe.

Baustelle Kongresshaus Zürich

Selbstredend ist man in der Tonhalle gar nicht erfreut darüber. Intendantin Ilona Schmiel sprach von einer massiven Herausforderung, die zusätzlich mit beträchtlichen Kosten verbunden sein werde. Der Reputationsschaden ist angerichtet, doch Qualitätsansprüche stünden nun im Vordergrund.

 

Weichenstellungen für das Jahresprogramm 2019/20

Ein Füllhorn an Konzepten, Gefässen, Dirigenten und Solisten wird in der 3. Maag-Spielzeit über uns ausgeschüttet. Die Handschrift Paavo Järvis weist eindeutig nach Norden mit den Schwerpunkten Estland (wo er herkommt), Russland, Finnland, Lettland und Schweden. Sein Schulfreund Erkki-Sven Tüür, neben Arvo Pärt heute der bedeutendste estnische Komponist, wird als Gast vertreten sein, dazu gesellen sich die drei virtuosen Solisten Martin Fröst (Klarinette), Pekka Kuusisto (Violine) und Ksenija Sidorova (Akkordeon).

Aussenansicht des sanierten Kongresshauses mit Dachterrasse zum See

Neu im Spielplan sind ein Filmzyklus,  Rush Hour-Kurzkonzerte, dann die Doyens Heinz Holliger (zum 80.) und Penderecki mit eigenen Werken am Dirigentenpult. Zudem sind zehn junge Dirigentinnen und Dirigenten geladen, die mit dem begnadeten Pädagogen Järvi arbeiten werden, wobei dann der vom Publikum erkorene Sieger zu seinem Festival in Pärnu reisen darf. Seinen programmatischen Saisoneinstand gibt der neu erkorene Chef vom 2. bis 4. Oktober 19 mit der sinfonischen Dichtung „Kullervo“ von Jean Sibelius. Tschaikowski und Messiaen werden sich zudem als roter Faden durch die Spielzeit ziehen und in Live-Mitschnitten auf CDs gepresst. Die Erwartungen sind hoch, aber angesichts erster Nagelproben zwischen dem Tonhalle-Orchester und Järvi keineswegs zu hoch gegriffen.

  

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