13.03.2019 - Herbert Ammann

„Ich hätt nur gern ein weiches Ei“

Dies lässt Loriot in „Das Frühstücksei“ den Mann resigniert zur Frau sagen, ohne dass er ihn auf die Idee kommen lässt, sich selbst ein weiches Ei zu kochen.
 

So ähnlich ging es meinem Freund Rainer neulich, als er ein kleines Jubiläumsbuch drucken lassen wollte. Rainer hatte die wunderbare Idee, zum 50 Jahr-Jubiläum seines Lehrabschlusses seine damaligen Kameraden, Kameradinnen gab es noch nicht, zu bitten, einen Beitrag zu 50 Jahre Berufserfahrung zu schreiben. Er würde es drucken lassen und am Jubiläumsfest an alle verteilen.

 

Es kamen ein gutes Dutzend Texte zusammen, so unterschiedlich wie die Kameraden, so unterschiedlich wie ihre verschiedenen Leben. Kurze und ausführliche Texte, erzählende und reflektierende, poetische und minimalistische Prosa. Rainer stellte die Texte so zusammen, dass die Reihenfolge einen Sinn ergab, erstellte ein leserfreundliches Layout, schrieb ein Vor- und ein Nachwort, so dass das Werk zu einem richtigen Buch würde. Ein Kamerad erstellte einen sinnigen Umschlag. Es brauchte nur noch eine Druckerei.
 

Im Internet fanden sich eine Reihe von Angeboten, zwei kamen in Frage: „Wir machen Druck“ und „Kopierwerk“. Die Homepage von „Wir machen Druck“ beeindruckte; auch mit dem Hinweis: „Drucken Sie beim Testsieger“. – Überzeugend!
 

Nachdem Rainer sich von den freundlichen Damen des Kontakttelefons, eine Nummer aus Winterthur, über Leistung und Preise detailliert informiert hatte, übermittelte er sein Manuskript über die Page von „Wir machen Druck“ und bezahlte den fälligen Betrag per Kreditkarte, knapp 700 Franken, nicht ohne als Zusatzleistung eine Qualitätskontrolle mit zu bezahlen.
 

Die Bücher kamen, wie versprochen, nach drei Arbeitstagen, sie sahen aus, wie es sich Rainer vorgestellt hatte. Er war sehr, sehr begeistert. Toll, das Werk in der Hand zu halten! Aber oh Schreck, da fanden sich, ohne Systematik, zufällig eingestreut, „Zusatzzeichen“ in der Art kleiner Stempelchen, nur leicht grösser als der Buchstabe „m“. Rainer kontrollierte weitere Exemplare, das gleiche Bild.
 

Rainer rief die freundlichen Damen an, die bedauerten die Sache zutiefst und versicherten, dass „Wir machen Druck“ daran gelegen sei, dass der Auftrag zur vollen Zufriedenheit ausgeführt werde. Er solle bitte Fotos der fehlerhaften Stellen senden. Das tat Rainer in verschiedenen Varianten, bis die Fotos endlich von „Wir machen Druck“ akzeptiert wurden. Misstrauisch geworden, prüfte er nochmals sein Manuskript. Da war nichts, keine Zusatzzeichen! Er prüfte den Ursprungstext des Kameraden, sowohl in der abgespeicherten Form als auch als Anhang der Mail. Keine „Stempelchen“, nichts, alles sauber! Wieder rief er die netten Damen in Winterthur an, die bedauerten ihn, bestätigten seine Einschätzung und meinten, dass nur ein Neudruck in Frage kommen könne.

 

Zwei Tage später hatte Rainer immer noch keinen positiven Entscheid; da verlangte er von den höflichen Damen mit einer zuständigen, handlungskompetenten Person zu sprechen. Die war leider gerade am Telefon. Stunden später erhielt Rainer eine Mail, in der Anlage drei Buchseiten, wo die Stempelchen zu sehen sind; nur exakt das hatte er reklamiert. Die Behauptung von „Wir machen Druck“, es handle sich dabei um die Ursprungsdaten, nicht belegt, dafür sehr, sehr gewagt.

 

Rainer hatte genug von „Wir machen Druck“ und wandte sich an die Firma „Kopierwerk“. In einer Stunde hatte er ein Probeexemplar und die Zusicherung, dass er mit etwa 15% höheren Kosten rechnen müsste. Gleiches Manuskript, nirgends „Stempelchen“! Vor der Vergabe des Auftrags wandte er sich nochmals an die Leute von „Wir machen Druck“. Rainers Forderung eines Nachdrucks und einer bescheidenen Genugtuung wurde postwendend als unbegründet abgelehnt; diesmal finde er in der Beilage das ursprüngliche Manuskript, teilten sie ihm mit. Wieder falsch! Der Seitenumbruch stimmte schon nach der vierten Seite nicht mehr; die inkriminierten Stempelchen liessen sich hingegen nicht finden.

 

Fazit: Das als Beweis zugestellte Manuskript enthielt keine Druckfehlerteufelchen, dafür hatte offenbar „Wir machen Druck“ den Seitenumbruch verändert/verschlechtert. Rainer vergab den Auftrag an „Kopierwerk“, schrieb die 700 Franken als Lehrgeld ab und hielt zwei Tage später endlich das so lang erkämpfte Buch in der Hand.
 

Wir, Rainer und ich, freuen uns, wenn wir mit diesem Text beitragen können, dass andere solch bittere Erfahrungn nicht machen müssen. Und als Faustregel gilt: Nie zum Voraus zahlen – nie ein Manuskript oder „Gut zum Druck“ so senden, dass man es nicht unter „Mail gesendet“ wieder überprüfen kann! Lieber einen etwas höheren Preis zahlen.

 

Gastautor: 
Herbert Ammann
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